So geschehen in der Heiligen Nacht
Den „Blutstein“ von Stapelmoor umranken viele Geschichten
Um die Geestsiedlung Stapelmoor, von Stürmen und Kriegsnöten oft heimgesucht, hat der Volksmund viele Erzählungen und Geschichten gesponnen, die zu erhalten „Der Deichwart“, Beilage zur Heimatzeitung „Rheiderland“, sich zur Aufgabe gestellt hat. Im ersten Jahrgang 1925 veröffentlichte der Heimatpfleger Lehrer Anton Koolman eine plattdeutsche Erzählung, die gerade um die Weihnachtszeit spielt.
In früheren Zeiten wohnte auf der Bauernburg „Drakemond“ ein Burgherr, der oft auf Raub ausging; man fürchtete sich im Dorf vor seinen Gewalttaten. Kaufleute, die mit Waren aus dem Emsland ins Rheiderland kamen, fand man erschlagen und ausgeplündert auf. Den Übeltäter kannte man wohl. Nur der alte Seelsorger von Stapelmoor fürchtete den Burgherrn nicht und verwies ihn seiner Sünde und Schande. Der alte Pfarrer suchte den Burgherrn sogar auf und sagte ihm sonntags von der Kanzel herab die Meinung. Der Burgherr war zunächst betroffen, aber dann schwor er dem alten „Domdi“ Rache.
Es war gerade an einem Heiligabend; die Dorfbewohner waren alle in der „Lüchtenkark“ versammelt. An dieser alten Feierstunde, der Chrismette (aus der katholischen Zeit), hatten die Friesen auch nach der Reformation festgehalten. In der Weihnachtszeit um Mitternacht wurde gepredigt und die Kirche war von Kerzen festlich erleuchtet, die auf kunstvoll geschmiedeten Kronleuchtern brannten. Dafür hatte sich die Bezeichnung „Lüchtenkarke“ geprägt; es war der Inbegriff beseeligender Weihnachtsfreuden und für die Erwachsenen eine frohmachende Erinnerung an die verklungene Jugendzeit.
An jenem Heiligabend nun, von dem hier erzählt wird, stand der Burgherr der Drakemond dort, wo nun am Südportal der „Blutstein“ liegt, der schon aus der Heidenzeit stammt, auf der Lauer. Er hörte wohl den Klang der Weihnachtslieder aus der Kirche, aber sie rührten ihn nicht, auch nicht die eindringliche Predigt des Seelsorgers.
Als der Gottesdienst zu Ende war, sich das Kirchvolk verlief und als letzter der alte Pastor aus der Kirche trat, griff der Burgherr ihn an und erstach ihn. Der alte „Domdi“ sank entseelt zu Boden, und sein Blut netzte den dort liegenden Stein. So fand ihn der Kirchendiener, der sich noch im Gotteshaus zu schaffen gemacht hatte.
Als der Mord im Dorf bekannt wurde, war die Trauer groß. Noch in derselben Nacht musste der Mörder fliehen, sein Gewissen ließ ihm keine Ruhe. Das unschuldig vergossene Blut drang in das Gestein ein und ließ sich nicht wieder entfernen. Daher trug nun dieser Stein im Volksmund den Namen „Blutstein“.
Quelle: Stadt Weener/Ems – Beiträge zur Heimatchronik; Aeilt Fr. Risius